An der Stadtratssitzung vom 16. Januar 2026 wurde ich für das Stadtratspräsidium gewählt. Nachfolgend ein Auszug aus meiner Antrittsrede.
Ich danke euch ganz herzlich für das Vertrauen, das ihr mir entgegenbringt. Ich fühle mich geehrt, das Stadtratspräsidium für ein Jahr ausüben zu dürfen und den Stadtrat in der Öffentlichkeit zu vertreten. Ich bin sehr gespannt, was mich alles für Begegnungen erwarten und bin mir bewusst, was für ein Privileg es ist, das Amt innezuhaben.
Die heutige Traktandenliste verrät es schon – wir sind in einem Wahljahr. Und ich rechne deshalb auch mit gepfefferten Voten, die durchaus Platz haben sollen, denn ewige Harmonie kann auch lähmend sein. Eine gute Streitkultur und kontroverse und lebhafte Debatten gehören zu einer Demokratie und zu einem Parlament und widersprechen unserer konstruktiven Ratskultur nicht. Ich kenne politisch streiten und manchmal vielleicht auch ein wenig provozieren auch von mir selber, und dass ich das noch ziemlich gerne mache… Aber nicht in diesem Jahr, da bin ich zur Zurückhaltung verpflichtet, was mir ehrlich gesagt nicht ganz leichtfällt. Aber ich gebe mir wirklich richtig und ernsthaft Mühe.
Mein Motto in diesem Präsidialjahr ist: Mehr Sichtbarkeit und die Stärkung von Frauen. Wir sind im Rat mit 16 Vertreterinnen immer noch in der Minderheit. Und ich hoffe sehr, dass wir bei den Wahlen im November mindestens die Parität erreichen. Es darf auch ein bisschen mehr sein… Und mit höchster Wahrscheinlichkeit werden wir dieses Jahr die erste Stadtpräsidentin von Thun wählen.
Liebe Stadtratskolleginnen, ich will euch ermutigen, euch Gehör zu verschaffen, euch untereinander zu verbinden und gute Deals abzuschliessen für gemeinsame Anliegen. Ich bin nämlich überzeugt, dass diese mindestens so gut sind, wenn nicht sogar besser als jene, die von unseren amtsältesten Stadträten eingefädelt werden. Ich habe jetzt bewusst nicht Dinosaurier gesagt, weil da hätte ich mich gleich mit desavouiert, weil ich als amtsälteste weibliche Stadträtin nämlich selber eine Dinosaurierin bin.
Die fürchterliche Brandkatastrophe von Crans Montana, die uns zum Auftakt des neuen Jahres alle erschüttert hat, passt auf erschreckende Weise zur allgemeinen Weltlage. In Ost und West sind autoritäre, demokratiefeindliche und zerstörungshungrige Männer an der Macht. Rechtsextremistische Parteien haben Zulauf. Rassismus nimmt zu und geflüchtete und migrantische Personen müssen für alles als Sündenböcke herhalten, obwohl die Probleme hausgemacht sind. Antisemitismus nimmt zu, von rechts wie auch von links.
Auf Social Media herrscht eine toxische Manosphere vor, in der immer mehr junge Männer ihre Identität finden. Die grassierende geschlechtsspezifische Gewalt bis hin zu Femiziden hört nicht auf. Die Stigmatisierung von Armutsbetroffenen auch nicht. Die Klimakrise verschärft sich. Demokratie wird sogar in demokratischen Ländern offen in Frage gestellt.
Kriege und internationalen Konflikten nehmen zu mit der Folge von massiven Vertreibungen von Menschen, die auf der Flucht und auf der Suche nach Sicherheit und einer Zukunft im Massengrab Mittelmeer ertrinken. Die allgemeine Weltlage und der Vormarsch von autoritären rechten Parteien besorgen mich zutiefst. Und ich muss auch eingestehen, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben Zukunftsangst verspüre und sich so ein diffuses Gefühl von Bedrohung und gleichzeitig Ohnmacht breit macht.
Wenn ich mir bei solchen Gedanken unseren Stadtrat vor Augen führe, zeigt es mir die Wichtigkeit und auch das Privileg auf, Politik auf lokaler Ebene können mitzugestalten. Denn diese Politik ist täglich und unmittelbar erfahrbar. Und hilft gegen das Gefühl von Ohnmacht. Auch wenn wir politisch manchmal streiten, können wir trotzdem ein Glas Wein oder einen Kaffee zusammen trinken. Die Fronten in unserem Rat sind nicht so verhärtet, dass man sich nicht mehr zuhört und nicht mehr zusammen spricht. Und das finde ich schön und erhaltenswert. Und wichtig für die Demokratie. Die Welt retten wir hier nicht. Aber immerhin können wir für eine lebenswerte Stadt für alle sorgen.



